Identität im Wandel

Wenn wir „Identität“ als vollständige Übereinstimmung mit einer bezeichneten Sache verstehen wollen, dann ergeben sich für dieses Konzept derzeit mehrere Schwierigkeiten. Einerseits verlangt das Hereinbrechen der elektronisch vermittelten Globalisierung, uns zu vielen Dingen neu oder erstmals zu positionieren. Wir müssen hier gewöhnlich erst herausfinden, mit was wir „übereinstimmen“ möchten. Andererseits kann diese Zuordnung auch immer nur in Abgrenzung von etwas anderem geschehen. Wir müssen also definieren, was alles nicht zu uns gehört. Hinzu kommt, dass die durch technische Prozesse stark gestiegene Transparenz unserer Lebensaspekte den Druck zur Authentizität erhöht. Punktuelle Abweichungen vom gesellschaftlichen Durchschnitt sind heute tolerierter als früher, müssen aber ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Individuelle, als auch kollektive Identität liegt also vielfach neu auf dem Verhandlungstisch, und noch nie waren es so viele Teilnehmer*innen(!), die um ihre Deutung und Bedeutung gerungen haben.

Für einige Menschen entsteht das Gefühl, Gefahr zu laufen, im globalen Dorf, in dem jede*r eine Stimme hat, bald nicht mehr gehört zu werden. Die Wahrnehmung als Teil dieses Ganzen, der dennoch identifiziert und als selbstständig wahr genommen werden möchte, führt zumindest mittelbar einerseits zur Flucht in Kleinstidentitäten („Flexitarier“, „Sapiosexuel“ und zahlreiche andere), sowie andererseits in den Schutz Sicherheit suggerierender Kollektive wie Volk, Nation, Klasse, Religion oder Rasse.

In gewissem Maße können solche Prozesse hilfreich sein, um trotz einer Überforderungssituation nicht mit einem Übermaß an Öffnung oder Abschottung zu reagieren, also die Grenze zwischen Selbst und Anderem aufzugeben oder das Andere im Gesamten zu negieren. Beides ist nicht dauerhaft tragbar und beraubt der Handlungsfähigkeit.

Es ist also wichtig, die Gründe der aktuellen Identitätskrise richtig zu benennen, und die zu beobachtenden Reaktionen angemessen zu bewerten. Nur wenn wir erkennen, dass es nicht vorrangig ökonomische Gründe sind, die zu einem Erstarken von Populismus, Nationalismus oder Fremdenfeindlichkeit führen, können wir auch nach geeigneten Gegenstrategien suchen.

 

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